Kreisverband, Jeverland

„Jammert nicht, das nervt. Tut was!“ Vortrag von Helma Sick zu „Frauen und Finanzen“ in Jever

09.03.2026 · von Almuth Thomssen

Auch das schönste Frühlingswetter konnten rund 20 Frauen am Wochenende des Weltfrauentages nicht davon abhalten, im Lokschuppen in Jever beim Vortrag von Helma Sick auf Einladung der Grünen im Kreis Friesland dabei zu sein. Nach einer kurzen Begrüßung durch Almuth Thomßen berichtete die bundesweit bekannte Finanzexpertin auch sehr persönlich aus ihrem eigenen Leben und brachte zahlreiche Beispiele anderer Frauen. Pointiert machte sie immer wieder deutlich, vor welchen finanziellen Herausforderungen die meisten Frauen in Deutschland stehen, besonders wenn es um Altersvorsorge, Erwerbsarbeit und wirtschaftliche Selbstständigkeit geht.

Helma Sick ist Betriebswirtin und inzwischen 85. Seit fast 40 Jahren engagiert sie sich für die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen. Bereits 1987 hat sie ein unabhängiges Finanzberatungs-Unternehmen für Frauen gegründet, ist Autorin mehrerer Finanzratgeber und schrieb viele Jahre für die „Brigitte“.  Zentrales Thema bei ihrem Vortrag in Jever waren die weiterhin stark männlich geprägte Arbeitswelt und die wirtschaftlichen Folgen traditioneller Rollenbilder. Obwohl laut der aktuellen Shell Jugendstudie rund 90 Prozent der jungen Menschen finanzielle Unabhängigkeit anstreben, leben viele dieses Ziel im weiteren Verkauf ihres Lebens nicht. Besonders deutlich wird das bei der Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit: Rund 80 Prozent der Care-Arbeit wird weiterhin von Frauen übernommen. Gleichzeitig arbeiten etwa 80 Prozent der Frauen in Teilzeit, bei den Männern sind es nur rund 8 Prozent.

Deutlich kritisierte Helma Sick die strukturellen Rahmenbedingungen. Das deutsche Ehegattensplitting begünstige den besserverdienenden Partner, das sind zumeist die Männer, und halten traditionelle Rollenmodelle aufrecht. Andere Länder seien hier weiter: In Schweden wurde ein vergleichbares Steuermodell bereits vor rund 50 Jahren abgeschafft, während es in Frankreich ein Familiensplitting gibt.

Besonders eindrücklich waren die Zahlen zur Altersarmut: Die durchschnittliche Rente von Frauen liegt in Westdeutschland bei etwa 908 Euro, im Osten bei rund 1.271 Euro. Männer dagegen erhalten im Schnitt etwa 1.492 Euro. Damit gehört die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern zu den größten in Europa. Gleichzeitig überlebt etwa jede zweite Frau ihren Partner, oft um viele Jahre. Auch scheinbar kleine Entscheidungen können langfristige Folgen haben. So reduzieren etwa fünf Prozent der Frauen bereits beim Zusammenziehen mit dem Partner ihre Arbeitszeit. Wer viele Jahre im Minijob arbeitet, muss später mit sehr geringen Rentenansprüchen rechnen: Nach 15 Jahren entstehen daraus derzeit lediglich rund 85 Euro monatliche Rente.

Weitere Risiken entstehen in Partnerschaften ohne Ehe. Ohne Trauschein gibt es weder ein gesetzliches Erbrecht noch eine automatische Absicherung. Die Finanzexpertin schilderte ein Beispiel aus ihrer Beratung: „Eine Frau lebte 25 Jahre mit ihrem Partner zusammen, kümmerte sich um Haushalt und Familie. Nach seinem Tod erbte der Sohn aus erster Ehe alles, und die Frau musste Grundsicherung beantragen.“ 

Auch Selbstständigkeit kann für Frauen zur Rentenfalle werden, wenn keine verpflichtende Einzahlung in die gesetzliche Rentenversicherung erfolgt. In Ländern wie Österreich oder der Schweiz gibt es hierfür andere Lösungen.

Die Botschaft von Helma Sick an ihre Zuhörerinnen war deutlich: „Frauen sollten ihre finanzielle Situation selbst aktiv gestalten. Dazu gehört auch, sich frühzeitig über Möglichkeiten wie den Rentenausgleich bei der Rentenversicherung zu informieren,  eine Beratung, die kostenfrei ist. 

Direkt an die anwesenden Frauen gerichtet, brachte Sick ihre Haltung auf den Punkt: „Jammert nicht, das nervt die Menschen nur. Kümmert euch und ändert etwas!“ Nach dem Online-Vortrag entwickelte sich ein lebhafter Austausch unter den Zuhörerinnen, moderiert von der Kreisvorsitzenden von Bündnis 90m / Die Grünen, Dr. Jutta Helmerichs. Viele Teilnehmerinnen zeigten sich überrascht von einigen Fakten und diskutierten engagiert über ihre eigenen Erfahrungen. Ebenso beeindruckt waren viele davon, wie agil und streitbar die inzwischen 85-jährige Referentin noch ist. Trotz ihres Alters war ihr deutlich anzumerken, wie sehr sie noch immer für das Thema finanzielle Selbstbestimmung von Frauen brennt. Weitere Informationen unter https://gruene-friesland.de/.


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