Femizid und Gewalt gegen Frauen: Rede von Linn Söderberg-Szymanski bei einer Andacht in Varel
Im Mai 2025 tötete in Varel ein Mann seine von ihm getrennt lebende Frau und Mutter von sieben Kindern, indem er sie mit seinem Auto überfuhr. Gegen den Mann wird jetzt wegen Mordverdachts ermittelt.

Diesen Femizid nahm die Evangelische Kirchengemeinde Varel zum Anlass, in ihrer Reihe „Andachten für Demokratie und Zusammenhalt“ das Thema „Femizid und Gewalt gegen Frauen“ aufzugreifen. Als Rednerin wurde dazu die frauenpolitische Sprecherin der Grünen in Friesland, Linn Söderberg-Szymanski eingeladen. Hier (leicht bearbeitet) die Worte, die Linn an die Gemeinde gerichtet hat:
„Bist du noch allein Abends unterwegs? Radelst du hier in Varel allein durch den Wald wenn du mal in der Stadt warst? Gehst du unbekümmert joggen oder spazieren, ohne dir Gedanken zu machen, ob das sicher ist? Oder entscheidest du dich dafür zuhause zu bleiben? In deinen sicheren vier Wänden.
Stell dir vor, du bist unterwegs, warst bei Freunden, Einkaufen oder bei einer Veranstaltung und kommst dann nach Hause. Und dort wartet nicht Sicherheit und Geborgenheit, sondern Angst. Nicht Schutz, sondern Kontrolle. Nicht Liebe, sondern Gewalt. Im Gegensatz zu Bildern, die uns in Büchern und Filmen gemalt werden, ist der gefährlichste Ort für Frauen nicht der Heimweg und auch nicht der Gang durch den Wald. Der gefährlichste Ort für Frauen ist die eigene Wohnung. Für viele Frauen in Deutschland ist das Alltag.
Jede dritte Frau in Deutschland wird im Laufe ihres Lebens Opfer physischer oder sexualisierter Gewalt. Jede vierte erlebt diese Gewalt durch ihren Partner oder Expartner. Allein 2023 wurden mehr als 180.000 weibliche Opfer häuslicher Gewalt erfasst. In Niedersachsen waren es über 32.500 Fälle, ein deutlicher Anstieg zum Vorjahr. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Viele Betroffene schweigen, aus Angst, aus Scham, weil sie keine Alternative sehen.
Femizid - die gezielte Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind, ist die extremste Form patriarchaler Gewalt. Und der Femizid in Varel ist kein Einzelfall und erst recht kein Familien oder Beziehungsdrama. 360 vollendete Femizide gab es in Deutschland 2023. Versuchte Femizide waren fast dreimal so viele. Femizide stehen am Ende einer langen Kette von Herabsetzungen, Grenzverletzungen und Missachtung.
Über 52 000 Frauen und Mädchen wurden 2023 in Deutschland Opfer von Sexualstraftaten - ein Anstieg um über 6 % gegenüber dem Vorjahr. Und diese Zahlen steigen von Jahr zu Jahr. Mehr als die Hälfte der Opfer waren minderjährig. Was läuft schief in einer Gesellschaft, in der so etwas Alltag ist?
Diese Kette der Gewalt, dieses System der Erniedrigung beginnt am Anfang: Wenn Mädchen lernen, zu lächeln, obwohl sie sich unwohl fühlen. Wenn Jungen beigebracht wird, dass Dominanz okay ist. Wenn ein Mädchen weint, weil ein Junge sie verletzt hat, und Erwachsene sagen: „Ach, der mag dich wohl.“
„Ist doch nur Spaß“ Das haben wir doch alle schon mal gehört nach sexistischen Witzen oder Handlungen im Bekanntenkreis oder am Arbeitsplatz. Wer es anders sieht, wird schnell als Spaßbremse hingestellt.
Patriarchale Gewalt ist kein Randphänomen. Sie ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, in unserer Sprache, in Rollenbildern und Gesetzen.
Niedersachsen hat in den letzten Jahren das Hilfesystem ausgebaut: Frauenhäuser, Beratungsstellen, das Hilfetelefon. Aber offenbar reicht das nicht.
Wir brauchen mehr Anlauf- und Beratungsstellen. Wir brauchen wohnortsnahe Versorgung und mehr Möglichkeiten gerichtsfester Dokumentation und Spurensicherung für Opfer sexualisierter Gewalt. Hier wäre das Abwickeln der Frauenklinik in Varel ein Schritt in die falsche Richtung. Wir brauchen mehr Plätze in Frauenhäusern für Frauen, die mit ihren Kindern in Lebensgefahr schweben. Das kann Leben retten.
Die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt wurde bereits 2014 durch die Istanbul-Konvention beschlossen und aktuell im Februar durch das Gewalthilfegesetz im Bundestag bestätigt. Nun muss es zur Priorität gemacht werden. Diese Schritte sind Aufgabe des Staates: des Bundes, des Landes, der Kreisverwaltung und der Städte und Gemeinden. Was können wir tun: Frauen, Männer, Menschen? Wir Nächste? Genau hier beginnt Deine und meine Verantwortung. Gewalt hat viele Gesichter. Und Leid ist immer noch zu oft Privatsache. Jede und jeder kann helfen, einfach, indem Du da bist. Indem Du sagst:
„Ich bin da. Ich sehe dich. Du bist nicht allein.“ Indem Du Zeichen nicht wegerklärst und ein mulmiges Gefühl ignorierst.
Wir Frauen leben in einer anderen Welt, nicht, weil wir Einzelne es so wollen, sondern weil wir alle es als Gesellschaft zulassen. Aber wir können etwas ändern: Wir können aufhören, Mädchen beizubringen, sich kleinzumachen. Wir können Jungen zeigen, was echte Stärke ist, dass sie nichts verlieren, wenn sie zuhören und weich sind.
Ich habe mich mit vielen jungen Männern unterhalten. Sie geben mir Grund zur Hoffnung. Lassen wir das zu. Schützen wir sie mit ihren Ideen und Wünschen von neuen Männer- und Geschlechterrollen. Und lasst uns anfangen, mit unseren Mitmenschen zu reden. Mit unseren Nachbarinnen, unsere Freundinnen, unseren Schwestern. Nicht wegschauen. Nicht schweigen. Hinsehen, Nachfragen, Zuhören, Fragen: "Wie geht es dir?" Und sich dabei wirklich eine Antwort wünschen.
Wir können sexistische Witze aufdecken, indem wir einfach nicht mitlächeln. Wir können das „unbequem Sein“ aushalten. Ich wette, Du bist nicht allein, wenn Du dich daran störst. Such Dir Verbündete in Deiner Umgebung. Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass jede Frau das Recht auf ein Leben ohne Gewalt nicht nur auf dem Papier hat - sondern in der Realität.